Meine Arbeit in Sozialprojekten

Meine Leidenschaft für die Menschen am Rande der Gesellschaft erkannte ich ganz zufällig:

2007 war ich mit dem Kammerorchester Oslo Camerata auf Brasilien- Tournee und wir hatten eine Workshop – Woche in der Stadt Niteroi im Staat Rio de Janeiro: jeder Musiker musste Jugendliche und Kinder aus den Favelas unterrichten. Am Anfang war ich skeptisch: Waren nicht alle krank, kriminell und drogenabhängig?
Als ich dann die neugierigen Schüler um mich herum sah, merkte ich schnell, dass ich mich geirrt hatte: die Jugendliche waren typische Jugendliche, genau wie die jungen Menschen die ich aus Europa kannte und als Geigenlehrerin merkte ich schnell, das alle Schüler meine Tipps und Anmerkungen wie Schwämme aufsogen. Die Schüler waren vom ersten Tag fantastisch, sie wollten alles verstehen, fragten viele Fragen (damals noch mit Dolmetscher) und übten so lange, bis sie endlich die neue Schwierigkeit auf dem Instrument gemeistert hatten. Das war für mich als Instrumental-Lehrerin eine neue Erfahrung: Meine früheren Schüler in Deutschland und Norwegen hatten meist so viele Hobbys, dass sie nicht annähernd so viel Motivation und Zeit für die Musik aufbrachten.
Die staatliche Schul- Ausbildung ist sehr schlecht im Staat Rio de Janeiro, so ist es sehr schwierig für intelligente oder wissensdurstige Kinder aus sozial schwachen Familien aufzusteigen. Wer die Möglichkeit hat, ermöglicht seinen Kinder eine private Schulausbildung, die oft 3x so viel kostet wie der Brasilianische Mindestlohn 724 Real (222€) . Die Kinder aus den Favelas haben diese Möglichkeit nicht und befinden sich deshalb in einer unfairen Situation.
Mir ist hier zum ersten Mal deutlich geworden, was dieser große Kontrast zwischen Arm und Reich im Alltag bedeutet – und ich fühlte mich sehr schnell motiviert den benachteiligten Jugendlichen zu helfen.

Hier können Sie einen kleinen Einblick in das Projekt Cordas da Grota do Surucucu bekommen:

Schon auf dem Rückflug dieser Tournee im Mai 2007 beschlossen die Cellistin Tiril Bengtsson, der Kontrabassist Asmund Kleivenes und ich, dass unseren Erfahrungen auch konkrete Handlungen folgen sollen. Dank fantastischen Stiftungen und einem musikbegeisterten norwegischen Botschafter bekamen wir mehrere Stipendien, um von 2008- 2011 jeweils zwei- bis dreiwöchige Workshops im Favela Grota do Surucucu zu geben.

Die Parallelwelt Favela

Ein Sozialprojekt in einer Favela ist oft der einzige Ausweg für die schwer arbeitenden Eltern, häufig alleinstehenden Mütter, ihre Kinder von der Straße fern zu halten. Dort sitzen die Drogendealer, oft nicht älter als 16 Jahre, säubern ihre Waffen, verkaufen Drogen und zählen ihre Geldberge und verpacken sie in Plastiktüten. Der plötzliche Reichtum und die Macht reizt natürlich Kinder, die tagtäglich mit diesem Alltag umgehen und da der Staat wenig Mittel zur Verbesserung der Lebensqualität bietet, sehen Jugendliche oft nur den Ausweg in die Drogenwelt. Leider werden diese Dealer oft nicht älter als 20 Jahre, worüber keiner gerne sprechen mag.
Besorgte Mütter und Väter wissen, dass ihre Kinder kostenfrei im Sozialprojekt an einem neutralen Ort beschäftigt werden und somit vor plötzlichen Schusswechseln oder Polizei- Razzien sicher sind.
Während meiner Arbeit in den Favelas hatte ich oft das Gefühl, mich in einer Parallelwelt zu bewegen; über die Dealer und Kriminellen wird kaum und wenn nur flüsternd gesprochen, da alle Bewohner Angst vor den Drogenbanden haben.
Meist werden Mitarbeiter aus Sozialprojekten von den Drogenbanden freundlich geduldet. Sicher gefühlt habe ich mich aber auch so immer, weil meine Schüler mich nicht aus den Augen gelassen und immer mit mir zusammen den Proberaum verlassen haben.

Der lange Weg zum Vertrauen

Zu Beginn lernte ich nur glückliche Favela-Bewohner kennen, die keinerlei Probleme zu haben schienen. Die brutale Realität der Favela entdeckte ich erst nach und nach.
Verständlicherweise haben die Bewohner große Probleme Menschen von ausserhalb zu vertrauen. Niemand kümmert sich um ihre Zukunft, Ausbildung, Krankenversorgung, die Infrastruktur, Müllversorgung und oft fehlt tagelang Wasser oder Licht. Sie sind auf sich selber gestellt und haben sich mit dieser Sonderrolle am Rande der Gesellschaft abgefunden. Da können sich die Bewohner nur schwer vorstellen, wie gerade Ausländer sie verstehen können. Doch nach drei Jahren besserer Portugiesisch- Kenntnisse und kontinuierlicher Arbeit in der Favela Grota do Surucucu und dem Projekt AfroReggae klagten plötzlich alle und fingen langsam an mir ihre Lebensträume zu erzählen. Und mir wurde deutlich:
Jeder möchte aus der Favela herauskommen.

MeineSchüler

Umzug nach Brasilien

Nach vielen Flügen von Norwegen nach Rio beschloss ich 2011 gemeinsam mit meinem Mann – einem Brasilianer der mit seiner Violine bereits einen Weg aus der Favela heraus gefunden hat – selbst nach Rio de Janeiro zu ziehen um uns dort noch mehr dem Unterrichten von Musik widmen zu können.
Fast alle meine Schüler, die seit 2007 Unterricht von mir erhalten, haben mittlerweile die schweren Aufnahmeprüfungen an den Musikhochschulen in Rio, an der UFRJ oder Uni Rio bestanden.
Beim Unterrichten meiner Schüler ist mir sehr bewusst, dass Kontinuität wichtig ist und ich keine leeren Versprechungen geben darf. Davon haben diese Kinder und Jugendliche schon genug gehört und verlieren dann schnell die Motivation und Disziplin vorbereitet in den Unterricht zu kommen. Disziplin ist das größte Problem mit meinen Schülern.
Die Eltern haben oft mehrere Jobs und deshalb kaum Zeit ihren Kindern Interesse am Lernen und Motivation fürs Üben zu vermitteln.
Auch in den Schulklassen mit bis zu 40 Kindern lernen die Schüler oft nicht Aufgaben abzuschliessen und dafür Lob zu erhalten.

Ich habe gelernt, dass es als Ausländer wichtig ist, nicht als Besser-Wisser ins Favela zu kommen und alles und alle verändern zu wollen. Die Mentalität ist sehr anders, gerade in der Kindererziehung. Mir hat schon ein 4jähriges Mädchen ihren Lieblingsfilm „Saw“ gezeigt! Manchmal muss ich lachen, weil ich in Deutschland so behütet aufgewachsen bin.

Pädagogische Herausforderungen

Es ist mir wichtig meinen Schülern gut zu zu hören, zum Beispiel welche weiteren Interessen sie haben, was ihre Motivation ist und was sie bewegt. Durch meine langjährige Arbeit mit einigen Schülern erzählen sie mir viel, was sie denken, wovon sie träumen, wenn wieder ein Schusswechsel vor der Haustür statt findet, von kranken Familienmitgliedern, vom neuen Freund der Mutter, über Alkoholprobleme etc. Auf diese Unterhaltungen hat mich keine Pädagogik- Vorlesung vorbereitet und oft ist es schwer, die Schüler wieder nach Hause zu lassen. Es ist schon passiert, dass ich am Beginn der Stunde mit einem Schüler zu einem Imbiss gehe, da ich merkte, dass er zu hungrig ist, um dem Unterricht zu folgen. Da mein Mann selber aus einer Favela ist, kann ich diese Situationen zuhause gut verarbeiten und bekomme viel Verständnis.

Camerata Laranjeiras- ein Resultat jahrelanger Erfahrungen

Das Resultat meiner Erfahrungen hier in Brasilien ist das Streichorchester Camerata Laranjeiras, das ich gemeinsam mit meinem Mann Tiago Cosmo und der norwegischen Cellistin Kaja Fjellberg- Pettersen gegründet habe. Durch gemeinsames Musizieren von Jugendlichen aus armen und reichen Schichten möchten wir die Vorurteile brechen, die in der brasilianischen Gesellschaft bestehen. Die Wochenend- Workshops finden in einem Haus im Stadtteil Laranjeiras statt, wo alle gemeinsam von morgens bis abends musizieren, essen, diskutieren und sogar übernachten können. Wir versuchen den jungen Leuten viel Platz zu geben, um ihre einzelnen Wünsche zu äussern. Mal ist es das Spielen von einem Michael Jackson Lied im Orchester, ein neues Instrument, Geigen- Saiten, Freikarten für Konzerte oder sogar ein Schwimmkurs. Da eine Musikausbildung oft Inspiration braucht, sind solche Erfolgserlebnis sehr hilfreich für die Entwicklung auf dem Instrument und unserem einzigartigen Projekt. Oft sehen wir uns nicht mehr nur als Instrumental-Lehrer, sondern als Lebens- Coaches.
Ich denke dass das Orchester Camerata Laranjeiras in kurzer Zeit sehr erfolgreich geworden ist, weil wir die Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen, sie mit viel Respekt behandeln und ernst nehmen.

KindergartenSchwarzenbek

Bei der letzten Deutschlands- Reise hatten wir, mein Mann und ich, die Möglichkeit einen Kindergarten in Schwarzenbek und das Luisen- Gymnasium in Hamburg zu besuchen und über unser Leben in Rio zu berichten. Wir waren so überrascht, dass Kinder und Jugendliche unsere Geschichten und Erfahrungen so spannend finden. Die Kindergarten- Gruppe bastelte sofort kleine Geigen (siehe Foto) und besuchte eine Musikschule! Und einige Gymnasiasten fragten, ob sie nach dem Abitur in Rio helfen können. Darüber haben wir uns natürlich besonders gefreut!

Wir laden auch Sie herzlich ein unsere Schüler und unser Orchester Camerata Laranjeiras in Rio de Janeiro kennenzulernen!

Sie werden dort viele nette Menschen treffen, Neues sehen und nicht zuletzt wunderschöne Musik hören. Außerdem können Sie dann selbst sehen, fühlen und natürlich hören, was ich Ihnen mit meinen Worten immer nur ein kleines Stück näher bringen kann und dann werden Sie verstehen, warum mein Herz an den Musikprojekten in den brasilianischen Favelas hängt: Weil mir die Kinder jeden Tag vor Augen führen, was Respekt, Liebe und gemeinsames Musizieren für eine positive Wirkung entfalten können.

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